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Die Geschichte vom Zappelphilipp – Gibt es ADHS?

Die Geschichte vom Zappelphilipp

Seht, “Ob der Philipp heute ihr lieben Kinder, still wohl bei Tische seht, wie’s dem Philipp sitzen will?” weiter geht! Also sprach in ernstem Schaut genau auf dieses Ton der Papa zu seinem Bild! Seht! Er schaukelt gar Sohn, und die Mutter zu wild, bis der Stuhl nach blickte stumm auf dem hinten fällt; da ist nichts ganzen Tisch herum. mehr, was ihn hält; nach Doch der Philipp hörte dem Tischtuch greift er, nicht, was zu ihm der schreit. Vater spricht.

Doch was hilft’s? Zu Er gaukelt und gleicher Zeit fallen Teller, schaukelt, er rappelt Flasch’ und Brot. und zappelt auf dem Vater ist in großer Not, Stuhle hin und her. und die Mutter blicket “Philipp, das missfällt mir stumm auf dem ganzen sehr!” Tisch herum.

Nun ist Philipp ganz versteckt, und der Tisch ist abgedeckt, was der Vater essen wollt’, unten auf der Erde rollt; Suppe, Brot und alle Bissen, alles ist herabgerissen; Suppenschüssel ist entzwei, und die Eltern stehen dabei. Beide sind gar zornig sehr, haben nichts zu essen mehr.

Der Zappelphilipp?


Das Gedicht vom Zappelphilipp kennen wir wohl alle aus dem Buch „Struwwelpeter“. Der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann schrieb das Buch 1844 für seinen damals 3- jährigen Sohn. In der Geschichte geht es um den Jungen Philipp, der am Tisch nicht still sitzen kann, mit dem Stuhl schaukelt und daraufhin mitsamt der Tischdecke nebst Mahlzeit auf die Erde fällt – „und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum“. Die Beschreibung des Zappelphilipps wird als volkstümliche Beschreibung der Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität herangezogen. Das nachfolgende Fallbeispiel will deutlich machen, dass nicht jedes Kind, welches an ADHS leidet, automatisch ein Zappelphilipp ist und das nicht jeder Zappelphilipp automatisch ADHS hat. Lukas* (6 Jahre) besucht seit 4 Jahren unsere Einrichtung. Seine Mutter trennte sich mit Beginn der Kindergartenzeit von ihrem Partner. Lukas sieht seinen Vater jedes Wochenende.

Trotz des häufigen Personalwechsels in seiner Gruppe lebte er sich gut ein und fand auch schnell seinen besten Freund Jonas* (6 Jahre). Jonas ist das Gegenteil von Lukas. Er ist ruhig und besonnen. Jonas verließ die Gruppe im August und wechselte in die Grundschule. Seit September ist Lukas nun ein Vorschulkind. Es zeigt sich, dass Lukas seinen besten Freund sehr vermisst. Es verletzt ihn sehr und auch lange nach Beginn des aktuellen Kindergartenjahres war es Thema, dass Jonas schon in der Schule ist und er nicht.

In den wöchentlichen Vorschulgruppenstunden fällt auf, dass Lukas Schwierigkeiten hat, sich längere Zeit auf die gestellten Aufgaben zu konzentrieren. Ihm fehlt die Motivation, die gestellten Aufgaben in der Zeit abzuarbeiten. Es kam auch schon vor, dass er erst gar nicht mit dem Bearbeiten anfängt. Lukas benötigt die ständige Ansprache durch das Gruppenteam, wenn es um den Beginn der Arbeitsblätter geht oder um das Zurechtlegen der benötigten Materialien. Lukas ist immer in Bewegung. Am liebsten ist er den ganzen Tag im Garten bzw im Turnraum. Selten sieht man ihn bei ruhigen Aktivitäten wie in der Bücherecke oder am Maltisch. In den vergangenen Monaten häuften sich die Beschwerden von anderen Kindern. Lukas zeigt Gefühlsausbrüche, wenn Dinge nicht nach seinem Plan verlaufen. Viele Kinder zeigen Unverständnis für die Stimmungsschwankungen und beschweren sich regelmäßig. Lukas spürt, dass er anders ist und zieht sich zurück.

Im Dezember stand ein Elterngespräch mit der Mutter an. Im Gespräch wurde deutlich, dass bei Lukas zu Hause die Symptome stärker und impulsiver ausgeprägt sind. Die Einschlafprobleme ihres Kindes sind der Mutter ins Gesicht geschrieben, zusätzlich klagt Lukas über Kopf- und Bauchschmerzen. Sobald Lukas mit seiner Mutter zu Hause angekommen ist, verbreitet er in der ganzen Wohnung Chaos, indem er immer wieder was neues beginnt und das begonnene einfach liegen lässt. Dadurch kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner Mutter, was die Beziehung der beiden merklich beeinflusst.

* Namen geändert

Nachdem wir nun das Fallbeispiel gehört haben stellt sich uns die Frage. Was können wir aus diesem Fallbeispiel ziehen? Um später eine abschließende Reflexion schreiben zu können möchten wir an dieser Stelle einige Symptome von “ADHS” betiteln.

Welche Symptome von ADHS sind im Fallbeispiel beobachtbar?

  • Unkonzentriertheit und Unaufmerksamkeit

◦ Schwierigkeit längere Zeit die Konzentration aufrecht zuhalten

◦ schnell ablenkbar durch Kleinigkeiten

◦ verliert angestrebtes Ziel

  • motorische Unruhe

◦ zappeln, wippen, herumlaufen, toben

◦ Einschlafprobleme

  • Chaos und Desorganisation

◦ Meister in der Produktion von Chaos

◦ stark eingeschränkte Organisationsfähigkeit

  • Impulsivität

◦ emotional, lebendige Menschen

◦ heftige Gefühlsausbrüche und emotionale Entgleisungen

◦ Kleinigkeiten führen zum Ausrasten und zu heftigen Wutausbrüchen

  • Stimmungsschwankungen und Affektlabilität

◦ dünnhäutig, verletzbar und empfindlich

◦ Stimmung schwankt von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt

◦ reagiert heftig, aufbrausend und überschießend

  • Motivationsprobleme

◦ riesiger innerer Schweinehund

◦ Schwierigkeiten mit Aufgaben zu beginnen

Dies und einige weitere Beispiele lassen sich als mögliche Resultate für das Thema “ADHS” finden. Aus diesen Symptomen folgen nun diverse Auswirkungen. Diese können z.B sein:

 

  • Impulsivität
  • Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit
  • weitere Störungen können auftreten (Aggressivität)
  • Störung von Konzentration und Aufmerksamkeit
  • mangelnde Anpassungsfähigkeit soziale Auswirkungen:
  • kein Verständnis für unorganisierte und chaotische Arbeitsweise
  • konfliktreiche Beziehungen in der Familie und im sozialen Umfeld
  • sozialer Rückzug

 

Wir möchten an dieser Stelle einen anderen Denkimpuls liefern.  Etliche Literaturen von diversen Fachärzten und Medizinern zeigen die positiven Aspekte von ADHS und ihren Blockern, wie z.B. Ritalin, und Co. auf. Das Team von Erziehungswissen möchte sich an dieser Stelle klar positionieren und eines klar stellen. Das Thema wird innerhalb des Teams sehr kontrovers behandelt. Die Geschäfte rund um das Thema ADHS werden von uns auf das schärfste kritisiert, da es aus unserer Sicht häufig zu Fehldiagnosen kommt.  Die Pharmaindustrie verdient jährlich einige Milliarden Euro an dem Verkauf von “helfenden” Mitteln, die Kinder in ihrer Entwicklung  unterstützen sollen.  “Bequemlichkeit” könnte eines der Schlagwörter hier sein. Eltern sind froh, dass es “angebliche” genetische Defizite sind, Ärzte sind froh mit einer heilenden Pille die Lösung gefunden zu haben, Lehrer sind nicht mehr Verantwortlich für “Fehlverhalten” von Kindern und die Pharmaindustrie freut sich weiter über jährliche Einnahmen.

Pharmaindustrie

Pharmaindustrie

Leistungsdruck, gesellschaftliche Perfektion!

Eltern sind erschöpft und sehen oft kein Licht im Tunnel. Die Elite Gesellschaft des modernden Jahrhunderts sieht oft nur einen einzigen Ausweg unachtsame und lebensfrohe Kinder zu stoppen.  – Medikamente, wie z.B. Ritalin.  Kurz zu Medikamenten: Medikamente dienen dazu einen Impuls kontrollieren zu wollen. Ist ein Impuls jedoch kontrolliert, kann er sich nicht mehr entfalten. So auch nicht das Kind.

Kinder müssen lernen, da sind wir uns bislang einig.  Handlungen abschätzen zu können, die Erlaubnis zu haben Fehler zu begehen, sich selbstständig entwickeln zu können.  Es gibt so viele Dinge, die eine Haltung von pädagogischen Fachpersonal definieren kann.

Welche Möglichkeiten der Intervention können wir in unserem pädagogischen Arbeitsumfeld umsetzen?

Wir können unsere pädagogische Grundhaltung im Umgang mit allen Kindern verändern

➔ einfache, klare Regeln und eindeutig formulierte Aufforderungen

➔ die Verfestigung eines Musters durchbrechen, indem kleinere Störungen möglichst nicht beachtet werden

➔ soviel Normalität wie möglich und nur so viel Sonderbehandlung wie unbedingt nötig

 


Es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich mit Kindern zu beschäftigen und ins Gespräch zu gehen. Einige von Ihnen sind sicherlich fordernder. Auch gibt es sicherlich Fälle, wo Medikamente  sinnvoll eingesetzt werden können. Für diesen Beitrag würde das jedoch den Rahmen sprengen. Weitere Informationen liefern die Quellen & Literaturangaben im Anhang.

 

Literaturangaben / Quellen:

  • http://www.zappelphilipp.de/gedicht.html
  • http://www.kinderpsychotherapie.de/docs/ADHS_Artikel1.pdf
  • https://www.youtube.com/watch?v=Nj3UUZX4iYQ
Dieser Text wurde von Steffi Reiß in Kooperation mit dem Team von Erziehungswissen.info erstellt.
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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • S. Grinsekatze
    24. Mai 2017 19:53

    Ich finde es ehrlich gesagt etwas schwierig es so hart gegen Medikamente zu formulieren. Ich bin eine von 5% der Erwachsenen in Deutschland, die die Diagnose ADHS bekommen haben. Das auch erst im Erwachsenenalter mit 23 Jahren. Ich wäre ein glücklicheres Kind gewesen, hätte ich die Diagnose und womöglich auch eine Medikation schon deutlich früher im Laufe meines Lebens bekommen. Ritalin ist kein Allheilmittel und man sollte vorsichtig damit umgehen. Es jedoch zu verteufeln halte ich für vollkommen falsch, denn mir hilft es in meinem Alltag sehr.

    Antworten

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