Haltung der pädagogischen Fachkraft

Von Steffi Reiß


„Zeig mir Grenzen, damit ich mich daran reiben kann!“

Der Umgang mit Schimpfwörtern

Tugenden wie Ordnung, Rücksichtnahme, Fairness und Toleranz sind wichtige Erziehungsziele und sollen im Elternhaus und in der Schule/KiTa eingeübt und vorgelebt werden. Es geht in diesem Zusammenhang auch darum, den Kindern eine “Intelligenz des Herzens” nahe zu bringen, die es möglich macht, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Wirkungen unangemessenen Verhaltens zu spüren und Betroffenheit über eigenes Fehlverhalten zu zeigen.

Immer wieder bemerken wir, dass bei manchen Kindern diese sozialen Tugenden noch zu wenig ausgeprägt sind und dadurch Konflikte und Ängste entstehen. Die Möglichkeiten, Schimpfwörter aufzuschnappen, sind beinahe grenzenlos: in der Schule, auf der Straße, im Fernsehen, bei Freunden oder älteren Geschwistern. Oft wissen die Kinder gar nicht, was sie da eigentlich sagen. Nicht die Bedeutung der Schimpfwörter ist für sie wichtig, sondern deren Wirkung auf andere. Sie probieren oft erst einmal aus, welche Schimpfwörter welche Wirkung haben.


Dabei gehören “Blödmann” oder “dumme Kuh” noch eher zu den harmloseren Begriffen. Häufig zielen die Ausdrücke deutlich unter die Gürtellinie und verunsichern Eltern und Erzieher.

Es stellt sich schnell die Frage, warum Schimpfwörter überhaupt so faszinierend sind für Kinder?

Jan-Uwe Rogge, ein bekannter Erziehungsexperte, erklärt, dass es Kindern unter den Nägeln brennt, neue Ausdrücke auszuprobieren um zu sehen, wie Erwachsene und hier vor allem die Eltern darauf reagieren.

Wenn ich als Kind ein Schimpfwort benutze und das möglichst laut und deutlich, habe ich mit Sicherheit sofort die vollste Aufmerksamkeit meiner Bezugspersonen. Das ist als Kind doch schon viel Wert oder? Dieser Ansicht ist auch Dr. Sylvia Schuster, Pressesprecherin des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein. Sie geht davon aus, dass es Kinder sogar noch anstachelt, wenn Erwachsene auf die benutzten schlimmen Wörter geschockt reagieren. Kinder provozieren Erwachsene gerne mit Schimpfwörtern, auch oder gerade weil sie gar nicht wissen was diese Wörter bedeuten.

Manchmal sind Kinder aber auch müde, frustriert oder wütend und haben noch keine adäquate Möglichkeit ihre Wut zu kanalisieren. Egal aus welchen Gründen Kinder Schimpfwörter benutzen, die Reaktionen von Erwachsenen sind meist gleich: „Wo hast du diesen schlimmen Ausdruck her? „Blöde Kuh“ sagt man nicht! Das Wort „Scheiße“ will ich bei uns am Tisch nicht mehr hören“.

Warum sollen Grenzen gesetzt werden?

Kinder benötigen Grenzen als Orientierungshilfe
Setzen Sie Grenzen aus gebotener Distanz, nicht aus Ärger oder persönlicher Verletzlichkeit;
Prinzipiell ist es einfacher, eine Grenze früh zu setzen, bevor eine Krise sich hochschraubt;
wichtig: Beschreibe, was du erwartest; Eine Grenzsetzung kann sowohl Aktion als auch Reaktion sein.
Grenzen immer frühzeitig setzen, bevor unkalkulierbare Situationen entstehen

Wichtig bei der Grenzsetzung ist:

Der Erzieher muss distanziert bleiben, d.h nicht aus Verletzlichkeit oder Ärger handeln.

Die Grenzsetzung darf nicht als Strafe für das Kind vermittelt werden.

 

Durch was lassen sich Grenzen setzen?

Bewusstes Ignorieren
empfiehlt sich nur, wenn die Störung damit beseitigt werden kann, funktioniert nicht bei deutlichen Provokationen,

Konfrontation

zeigen Konsequenzen auf, welche im Notfall auch eintreten. Der Erzieher sollte einen sachlichen Ton haben und mit Haltung gegenüber dem Kind vermitteln: “Dein Verhalten im Moment ist nicht in Ordnung, aber ich achte dich weiterhin…”

Hilfsangebot
angemessen bei unangemessenen Verhalten, welches auf Versagensangst beruht

Erinnern an Regeln
verbunden mit Appell an Wir- Gefühl kann Bindung fördern

Herausnahme aus dem Raum
Auszeiten anbieten, bei offener Tür kein Problem der Aufsichtsregelung

Ermutigung zum Dialog!

Die dialogische Grundhaltung findet sich im Wirken verschiedener Vertreter des Humanismus wie Janusz Korczak, Paolo Freire, Viktor Frankl, Carl Rogers, Aaron Antonovsky, Virginia Satir und Ruth Cohn wieder.

Der Dialog lässt Raum und Zeit für menschliches Sein, für Unvollkommenheit, für Fort- und auch Rückschritte, für Langsamkeit und Anderssein, Eigensinn und Selbsterforschung. Ich verstehe den Dialogprozess als Ort der Begegnung und des Austauschs ohne Machtanspruch, als Inspirations- und Kraftquelle, als (neuen oder anderen) Weg zu einer aufbauenden, salutogenen Kommunikation und als Ort für Vertrauen, für Heimat und Selbstreflexion.

Zehn Kernfähigkeiten im Dialog

Der intensive Austausch von Gedanken und Gefühlen, der für den Dialog typische „Fluss von Bedeutung“ kommt ins Strömen, wenn wir elementare Fähigkeiten entwickeln, mit denen wir unser Gesprächsverhalten steuern:

  1. Die Haltung eines Lerners verkörpern

Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, wieder neugierig zu sein und unsere kulturelle  Konditionierung, als Wissende aufzutreten, abzulegen. Der Zen-Meister Shunryu Suzuki hat es folgendermaßen formuliert: „Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten. Im Geist des Experten gibt es wenige“.

  1. Radikaler Respekt

Respekt heißt für uns, die andere Person in ihrem Wesen als legitim anzuerkennen. Respekt ist aktiver als Toleranz: ich bemühe mich darum, die Welt aus der Perspektive des anderen zu betrachten.

  1. Offenheit

Dies bedeutet, die Bereitschaft mitzubringen, offen zu sein für neue Ideen, andere Perspektiven, offen dafür, lang gehegte Annahmen in Frage zu stellen.

  1. Sprich von Herzen

Damit ist gemeint, dass ich von dem spreche, was mir wirklich wichtig ist, mich wesentlich Angeht. Ich rede nicht, um rhetorisch zu brillieren, zu theoretisieren, einen Vortrag zu Halten. Ich fasse mich kurz.

  1. Zuhören

Hier geht es um qualitatives Zuhören: das heißt, ich lausche dem anderen so vorbehaltslos wie möglich, sowie mit empathischer Zugewandtheit, welche den Sprechenden einlädt, seine eigene Welt vertrauensvoll sichtbar zu machen.

  1. Verlangsamung

Im Dialog wollen wir unseren automatischen gedanklichen und emotionellen Muster auf die Schliche kommen. Ohne den Prozess der Verlangsamung sind wir dazu kaum in der Lage.

  1. Annahmen und Bewertungen „suspendieren“

Unsere individuell unterschiedlichen Glaubenssätze, Interpretationen und Annahmen Liefern den Zündstoff für endlose Missverständnisse und Konflikte. Im Dialog üben wir, unsere Annahmen und Bewertungen offen zulegen und in der Schwebe zu halten.

  1. Produktives Plädieren

Dies ist eine Einladung dazu, die Wurzeln meines Denkens und Fühlens auszusprechen. Ich benenne also nicht nur das „Endprodukt“ (ein Statement), sondern auch die Annahmen, Bewertungen, Vorurteile sowie Beobachtungen, die mich dazu geführt haben.

  1. Eine erkundende Haltung üben

Ich gebe meine Rolle als Wissende auf und entwickle echtes Interesse an dem, was anders ist als ich bereits kenne. Damit ist eine Haltung von Neugier, Achtsamkeit und Bescheidenheit gemeint: „Ich weiß nicht, doch ich möchte gerne darüber erfahren“.

10. Den Beobachter beobachten

Dies bedeutet, dass ich mich im Dialogprozess selbst beobachte und mich darum bemühe, mir meiner eigenen Denk-, Gefühls- und Reaktionsmuster bewusst zu werden.


Unterm Strich aber sollten wir uns durch Schimpfwörter nicht auf die Palme bringen lassen, denn sie gehören zu Stresssituationen dazu, nur:

 


"Die Menschen vergessen, was du sagst und was du tust.

Aber wie sie sich in deiner Gegenwart gefühlt haben, vergessen sie nie."

Maya Angelou

Quellen / Literaturangaben:

  1. Rogge, Jan-Uwe/Bartmann, Angelika: „Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet“. Gräfe und Unzer Verlag München. 5. Auflage 2015 (S. 85 – 91)
  2. Schuster, Sylvia, Dr. zitiert in: „Wenn Kinder Schimpfworte gebrauchen“, unter http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/wenn-kinder-schimpfworte-gebrauchen/
  3. aus: Bergsson, M/ Luckfiel, H (1998): Umgang mit „schwierigen“ Kindern Cornelson Scriptor, Berlin.
  4. http://www.ganztag-blk.de/test/upload/pdf/aktuelles/WS1TN-Material.pdf

 

 

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü