von Steffi Reiß

Vorwort

Zusammen mit Anna von Kinderwärts haben wir uns eine kleine Reihe über einen unserer prägenden Pädagogen überlegt. Der Beitrag ist dabei in 2 Teile gegliedert. In unserem Teil I geht es um die Biografie und seinen Werdegang. Hier findet ihr Teil II von Kinderwärts mit dem Titel: DAS LEBEN MEISTERN – MIT KOPF, HERZ UND HAND

Einleitung

Als Johann Heinrich Pestalozzi am 12. Januar 1746 geboren wurde, war Zürich eine Stadt von 10.000 Einwohnern, die Hunderte von Dörfern ringsum beherrschte und wirtschaftlich bevormundete und auch ausbeutete. Nur wenige führende Geschlechter waren noch zum Regieren berechtigt. Die Pestalozzis gehörten zu ihnen. Johann Heinrichs Vorfahren waren Seidenhändler, Stadträte oder Pfarrherren.

Pestalozzis Mutter stammte aus gebildetem Haus, in dem sogar der große Goethe auf seiner Schweizerreise einkehrte, aber ihr Geschlecht stammte vom Lande, gehörte also nicht zu den Regierenden und galt darum nichts im Kreise der Mächtigen.


Pestalozzis Vater amtete in Zürich als Wundarzt, trieb ein bisschen Weinhandel, liebte die Jagd und den Fischfang. Er hatte eben die Stelle als Unterschreiber in der Stadt erhalten, als er erkrankte und starb. Das war 1751, Johann Heinrich war gerade fünfjährig.

So wurde er zum „Mutterkind”, überbehütet und eingeengt, auch früh gedemütigt durch eine versteckte Armut, welche die Witwe Pestalozzi nicht zeigen durfte.

Die vaterlose Familie verarmte, und nur dank der Sparsamkeit und den Haushaltungs-Künsten der Magd, die dem sterbenden Vater die Treue zur Familie in die Hand versprochen hatte und zeitlebens ohne Lohn für sie arbeitete, blieb den drei überlebenden Kindern der Hunger erspart. Natürlich wusste man in der Stadt nichts über diese Notlage, denn unter den führenden Bürgersfamilien galt Armut als Schande, und so sparte man eher am Essen, als dass man seine öffentlichen Repräsentationspflichten versäumt hätte.

Die Pestalozzis waren immerhin ein renommiertes Stadtgeschlecht mit allen bekannten Vorrechten: Nur Stadtbürgern standen alle Schulen und alle Ämter offen, und nur sie durften ohne Einschränkung Handel oder ein Gewerbe betreiben.

Pestalozzis Kindheit

Als reifer Mann schreibt Pestalozzi über seine Kindheit:

“Ich war von der Wiege an zart und schwächlich und zeichnete mich durch viele Lebendigkeit in der Entfaltung einiger meiner Kräfte und Neigungen sehr frühe aus. Was mein Gefühl ansprach, dafür war ich in jedem Fall schnell und warm belebt. Andere Gegenstände hingegen, die eine ernste, aber anhaltende und kaltblütige Aufmerksamkeit in ihrer Beobachtung und Erforschung ansprachen, so wichtig und so bildend sie auch für mich hätten sein können, machten selten einen überwiegenden Eindruck auf mich. Im Gegenteil, es ist auffallend, alles, was mein Herz ansprach, schwächte den Eindruck dessen, was meinen Kopf erheitern sollte, sehr oft und sehr schnell. … Ich muss es geradeheraus sagen, ich zeigte mich in Gegenständen dieser letzten Art schon sehr frühe und gar oft unverzeihlich unaufmerksam, zerstreut und gedankenlos. …

Ich lebte beinahe ohne alle Verbindung mit der Welt, wenigstens soweit diese Verbindung dem Menschen Kraft, Gewandtheit und ein gutes Benehmen im Umgang und in den Geschäften des Lebens gibt. Ich war gehütet wie ein Schaf, das nicht aus dem Stall darf. Ich kam nie zu den Knaben meines Alters auf die Gasse, kannte keines ihrer Spiele, keine ihrer Übungen, keines ihrer Geheimnisse. … Da in meiner Kinderstube eigentlich so viel als nichts dafür vorhanden war, mich vernünftig und lehrreich zu beschäftigen, und ich mit meiner Lebhaftigkeit gewöhnlich das verdarb und zugrunde richtete, was ich ohne diesen Zweck in meine Hand kriegte, so glaubte man, das Beste, was man an mir tun könne, sei, zu machen, dass ich so wenig als möglich in die Hände nehme, damit ich so wenig als möglich verderbe. ‚Kannst du denn auch gar nicht stillsitzen? Kannst du denn auch gar nicht die Hände still halten? ‘ Das war das Wort, das ich alle Augenblicke hören musste. Es war meiner Natur zuwider, ich konnte nicht stillsitzen, ich konnte die Hände nicht stille halten, und wahrlich, je mehr ich es wollte, desto weniger konnte ich es. Wenn ich nichts mehr fand, so nahm ich eine Schnur und drehte so lange an ihr, bis sie keiner Schnur mehr gleich sah. Jedes Blatt, jede Blume, die in meine Hand kam, hatte das gleiche Schicksal. …

Ein Kind, das im Hause an keiner Arbeit, weder des Vaters noch der Mutter, weder des Knechtes noch der Magd, teilnehmen und bei den Knaben seines Alters nicht als Kamerad ihre Spiele mitmachen kann, muss notwendig in der Kraft der Besorgung von häuslichen Gegenständen als ungeschickt und unbrauchbar zurückstehen, es muss notwendig dahin kommen, bei den Spielen seiner Kameraden entweder, ohne es wagen zu dürfen daran teilzunehmen, auf die Seite zu gehen oder sich ihren lauten Spottenden und jedem kränkenden Missbrauch seiner Schwäche ausgesetzt zu sehen. Dagegen schützt ein solches Kind kein Schulgehen, kein Schuleifer, kein Schullob, kein Schreiben, kein Rechnen, kein Latein, kein Hebräisch, kein Katechismus und kein Psalter; im Gegenteil, der einseitige, träumerische Wert, den so ein Kind allem diesem gibt, die unverhältnismäßige Kraft und Zeit, die es darauf verwendet und allem andern entzieht, der Eifer, mit dem es sich in diese Gegenstände hineinwirft, pflanzt ihm für alles andere, was es sonst in der Welt sein und tun sollte, eine tötende Gleichgültigkeit ein und bringt es dahin, dass es selbst den Anspruch auf allgemeine Brauchbarkeit und Tüchtigkeit in den Geschäften des Lebens zum Voraus fahren lässt und sich dadurch nicht einmal erniedrigt achtet. Das gute Kind träumt sich, in dem, was es in der Schule lernt, einen Ersatz gewonnen zu haben, der ihm das andere entbehrlich mache. Aber es irrt sich: die Welt müsste anders sein, als sie ist, wenn ihm diese allgemeine bürgerliche Brauchbarkeit sollte entbehrlich gemacht werden können, und die Schulen müssten anders sein, wenn diese ihm einen Ersatz für das Unentbehrliche sollten geben können. … Ich verlor bei meinen Büchern alles Gefühl des Bedürfnisses dessen, was mir mangelte; glaubte beinahe, es lasse sich nichts Besseres mit den Händen machen, als Bücher und Federn darin halten. …

In dieser Lage war mir die Schule wirklich wohltätig, sie gab meinem Trieb zur Tätigkeit doch wenigstens von einer Seite Spielraum. Es hieß doch wenigstens jetzt: ‚Tue etwas! ‘ und nicht mehr bloß: ‚Höre auf, lass das bleiben, was du tust! ‘ Freilich war das, was ich auch hier tun sollte, nichts weniger als geeignet, die Lücken ausfüllen, die schon in meiner Bildung waren; im Gegenteil, das, was ich hier tun und treiben musste, war hinwieder das Fundament zu neuen Lücken und schien wie dafür ausgewählt, um das, was in der häuslichen Bildung vernachlässigt worden, nur noch auffallender und die Folgen davon für mich noch drückender zu machen. …“

Pestalozzi in seiner Heimatstadt und seine Lehre

Pestalozzi besuchte in seiner Heimatstadt Zürich alle Schulen, die damals einem intelligenten jungen Bürger der Stadt zum unentgeltlichen Besuch offen standen, und sein Bildungsgang führte ihn über die Scholz Carolina im Großmünster zum Studium am Collegium Carolinum, einer Schule mit Hochschulcharakter, dessen Lehrer den Geist der schweizerischen bzw. zürcherischen Aufklärung prägten.

Sein berühmtester Lehrer war Johann Jakob Bodmer (1698 – 1783), ein Freund Goethes. Bodmer scharte alle begabten Studenten um sich. Diese Gruppe fortschrittlich gesinnter Studenten nannte sich ‘Patrioten’, was so viel heißt wie ‘Freunde des Vaterlandes’. Sie gaben eine eigene Zeitschrift – den ‘Erinnerer’ – heraus, und Pestalozzi war deren Redaktor. Im Kreise der Patrioten wurden die Gedanken der alten und neuen Philosophen eingehend erörtert: Platon, Titus, Livius, Sallust, Cicero, Comenius, Macchiavelli, Leibniz, Montesquieu, Sulzer, Hume, Shaftesbury, Lessing und vor allem und immer wieder Rousseau.

Wöchentlich trafen sie sich in der Zunftstube der Gerber und diskutierten vorwiegend über drei Gebiete: über die Philosophie der Griechen, über zeitgenössische Philosophie und über aktuelle politische Fragen. Sie begeisterten sich für die Ideen der Aufklärung, waren gierig auf jede Zeile des in Frankreich lebenden Philosophen Jean Jacques Rousseau und versuchten sich gegenseitig in tugendhaftem Lebenswandel zu übertreffen.

Zweifellos hat sich Pestalozzi in seiner Heimatstadt durch seinen Eifer für geläuterte Sitten in Gesellschaft und Staat und seine Offenheit für die Ideen von Staatsreform und gerechter Herrschaft, von Gleichheit, Gewaltenteilung oder der Beendigung der offensichtlichen Ausbeutung der Landschaft und ihrer Bewohner nicht bloß unbeliebt gemacht, sondern auch seine Chancen auf ein öffentliches Amt, das ihm grundsätzlich als Stadtbürger offen gestanden hätte, frühzeitig und dauerhaft verscherzt.

1762 waren der “Gesellschaftsvertrag” und der “Émile” erschienen, beide Werke von Rousseau belebten in den Zürcher Studenten das Ideal eines natürlichen, tugendhaften und freien Lebens. Das Leben der Stadtmenschen erschien ihnen als verzerrt, verdorben und verkünstelt; der Bauer hingegen lebte – zumindest in ihrer Phantasie – einfach, kraftvoll und in engster Verbindung mit der Natur. Bei Pestalozzi griff dieser Gedanke tiefer und verband sich mit seinem Drang, den Armen und Rechtlosen auf dem Lande helfen zu wollen.

In Höngg, der Pfarrei seines Großvaters, wo er als Kind oft zu Besuch war, hatte er die bedrückende Situation der ungebildeten und rechtlosen Landbevölkerung aus der Perspektive eines privilegierten Stadtkindes hautnah erfahren.

So brach er seine Studien schon als Einundzwanzigjähriger vorzeitig ab und entschloss sich, selbst Bauer zu werden. Nicht Bauer im üblichen Verständnis des Berufs, sondern eher als Herr über ein Landgut, aus dessen Ertrag sich der Lebensunterhalt eines gebildeten und vielseitig interessierten Stadtbürgers erwirtschaften ließ. Allerdings fehlten Pestalozzi für diesen Weg alle Voraussetzungen, vor allem die Kenntnisse der Landwirtschaft und des Landbaus.

Er trat bei einem Musterbauern namens Tschiffeli in die Lehre ein und lernte dort den Obst- und den Feldbau, die Pflanzung und Pflege neuer Gewächse, die Konservierung der Feldfrüchte und des Obstes, die Verbesserung des Bodens durch neue Dünge-Methoden, all die nötigen ökonomischen Berechnungen und den Umgang mit Käufern und Verkäufern.

Nach einer einjährigen Lehrzeit auf einem Berner Bauernhof erwarb Pestalozzi, unter Aufnahme von Krediten, Ländereien auf dem Birrfeld bei Brugg.

Im Jahre 1769 heiratete Pestalozzi die Züricher Kaufmannstochter Anna Schultheiß. Im selben Jahr gründete er seinen ersten landwirtschaftlichen Versuchshofs in Neuhof im Kanton Aargau. Mit diesem scheiterte Pestalozzi bald darauf. Jedoch startete er noch einen Versuch um sein Unternehmen zu retten und stützte sich auf die Verarbeitung von Baumwolle. In jener Zeit verschafften sich viele Bauern einen zusätzlichen Verdienst durch die Verarbeitung von Baumwolle. Mädchen und Frauen saßen vorwiegend am Spinnrad, während die Knaben und Männer in feuchten Kellern den Webstuhl traten. Pestalozzi hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu Baumwollhändlern, was es ihm ermöglichte, sich als Fergger zu betätigen: Er lieferte den Bauern das Rohmaterial und übernahm dann die Gewebe zum Weiterverkauf. Je schlechter es nun Pestalozzi in der Landwirtschaft erging, desto stärker rückte er das Baumwollgeschäft ins Zentrum.

Der Wandel von Pestalozzi

Für das Spinnen, Weben und Färben der Baumwolle setzte Pestalozzi Kinder als Arbeitskräfte ein, was zur entscheidenden pädagogischen Wende in Pestalozzis Leben führte.

Kinderarbeit war damals – wie überhaupt in früheren Zeiten – selbstverständlich.

Der Anblick von herumstreunenden verwahrlosten Bettelkindern brachte nun Pestalozzi auf die Idee, diese bei sich aufzunehmen und sie auf dem eigenen Hof zu beschäftigen.

Der Übergang von der landwirtschaftlichen Unternehmung zur Armenanstalt auf dem Neuhof in den Jahren 1773/74 war fließend.

Einerseits sollte diese neue Unternehmung ihm und seiner Familie eine Existenzgrundlage sichern, und andererseits bot ihm dies die Möglichkeit, dem Drang seines Herzens zu folgen und einen Beitrag zu leisten, um „die Quellen des Elends zu stopfen”. Das war seiner Ansicht nach nur möglich, indem die Kinder arbeiten lernten. Die Mädchen sollten sich im Spinnen, Stricken, Kochen, Haushalten üben, wogegen die Knaben den kleinen Feldbau und das Weben zu erlernen hatten. Darüber hinaus sorgte Pestalozzi für die Unterrichtung der Kinder in Lesen, Schreiben und Rechnen. Und schließlich setzte er sich als höchstes Ziel, das Gemüt der Kinder zu bilden und sie gemeinsam mit seiner Frau zu guten Christenmenschen zu erziehen.

Nach Pestalozzis Absicht sollte die Anstalt selbsttragend sein. Er glaubte, jene Kinder, die bei ihm spinnen und weben gelernt hatten, blieben wohl noch einige Zeit in der Anstalt und er könnte mit dem Ertrag ihrer Arbeit die Kosten der Anfänger und Behinderten bestreiten. Aber da täuschte er sich, denn kaum hatte er ein Kind eingekleidet und aufgepäppelt und ihm die ersten Fertigkeiten beigebracht, holten es die Eltern wieder aus der Anstalt und ließen es auf eigene Rechnung arbeiten. So entsprachen denn auch die Gewebe, die Pestalozzi an der Zurzacher Messe feilbot, nicht den Ansprüchen der Käufer, und er musste sie weit unter dem erhofften Preis losschlagen.

Um den finanziellen Ruin abzuwenden, wandte sich Pestalozzi Ende 1775 an die Öffentlichkeit. In seiner „Bitte an Menschenfreunde und Gönner, zu gütiger Unterstützung einer Anstalt, armen Kindern auf einem Landhause Auferziehung und Arbeit zu geben ” legte er seine Ideen der Armenerziehung erstmals dar. Dabei verteidigte er sich gegen den Vorwurf, das Arbeiten schade den Kindern: „Erfahrungssache ist es mir, dass nicht das frühe und späte Arbeiten die ärmste Jugend in ihrem Wuchs und in ihrer Entwicklung hemmt, sondern Unordnung im Leben, öfterer Mangel des Notwendigen, hastiger sich überfüllender Genuss beim seltenen Anlass. Mehr aber noch ungehemmte und gereizte Leidenschaften, Wildheit, beständige Unruhe, Unwille und niedergedrückter Mut sind Ursachen der Hemmung ihres Wuchses und ihrer Gesundheit und nicht anhaltende Arbeit.”

Pestalozzi betrachtete seine Anstalt als ein Modell und hielt darum die Öffentlichkeit über seine Unternehmung und seine leitenden Ideen stets auf dem Laufenden. Er tat dies am gründlichsten in seinen drei berühmten Briefen an den früheren Landvogt auf Schloss Wildenstein, Niklaus Emanuel von Tscharner. Dieser hatte in einer Zeitschrift seine allzu idealistischen Vorstellungen über Armenerziehung entwickelt, und Pestalozzi, der im Gegensatz zu Tscharner über praktische Erfahrung verfügte, trat ihm entgegen: der Arme dürfe nicht in einer schönen Anstalt verwöhnt, sondern müsse zur Armut erzogen werden, damit er dereinst seine schwierige Lebenslage aus eigener Kraft meistern könne. Später trat Pestalozzi nochmals mit zwei Schriften an die Öffentlichkeit. In seiner „Zuverlässigen Nachricht von der Erziehungsanstalt armer Kinder” erwähnt und charakterisiert er alle 37 Kinder namentlich.

Pestalozzi war mit seiner Anstalt am Ende. Die Kinder musste er wegschicken. Die Scheune und einen Teil des Landes verkaufte er der Familie Schultheiß, und dann lebte er als einsamer, verarmter Mann auf dem Neuhof.

Seit der Schließung seiner Armenanstalt kam er sich als arbeitslos und unnütz vor und er strebte mit aller Kraft danach, praktisch etwas für die Erziehung des Volkes leisten zu können.

Pestalozzi übernahm vom Direktorium den Auftrag, in Stans 1798 die Kriegswaisen zu sammeln und ihnen als ‘Waisenvater’ beizustehen.

Der Stanserbrief:

„Mein Eifer, einmal an den großen Traum meines Lebens Hand anlegen zu können, hätte mich dahin gebracht, in den höchsten Alpen, ich möchte sagen, ohne Feuer und Wasser anzufangen, wenn man mich nur einmal hätte anfangen lassen.”

Pestalozzi erlebte seinen Stanser Aufenthalt fast wie eine zweite Geburt, denn die Erziehungsidee, die sich in ihm in den verflossenen Jahrzehnten entwickelt hatte, erwies sich nun in der praktischen Anwendung als richtig: In jedem Menschen – gleich welcher Herkunft – liegen von Geburt an ‘Kräfte und Anlagen’; im Rahmen einer liebenden Beziehung zwischen Erzieher und Kind lassen sich diese entfalten, und so kann jeder Mensch sich selbst werden, im eigentlichen Sinne ‘Mensch’ werden.

Pestalozzi war eigensinnig: Er wollte alles alleine machen. Lediglich eine Haushälterin stand ihm bei, die rund 80 Kinder zu betreuen. Er gönnte sich kaum Schlaf. Alle wollte er unterrichten und erziehen. Das Wichtigste war ihm die Herzensbildung, die Entfaltung ‘sittlich-religiöser Kräfte’. Keinesfalls wollte er mit Belehrung anfangen, denn er misstraute schönen und frommen Worten. Zuerst musste es ihm gelingen, das Gemüt der Kinder anzusprechen. War die ‘sittliche Gemütsstimmung’ geweckt, so ließ er die Kinder das Gute tun. Und erst jetzt, wenn die Gefühle geweckt und das Handeln erreicht war, redete er mit den Kindern über das Gutsein und bildete in ihnen so sittliche Begriffe. Pestalozzi war hocherfreut über die Erfolge:

„Ich sah also meine Wünsche erfüllt, und war überzeugt, mein Herz werde den Zustand meiner Kinder so schnell ändern, als die Frühlingssonne den erstarrten Boden des Winters. Ich irrte mich nicht; ehe die Frühlingssonne den Schnee unserer Berge schmelzet, kannte man meine Kinder nicht mehr.”

Aber es ging auch in Stans nicht so, wie sich Pestalozzi wünschte. Am 9. Juni 1799 verließ der ‘Waisenvater’ Stans und gönnte sich einen Kuraufenthalt auf dem Gurnigelbad.

Seine pädagogische Ideologie

In der Gewissheit, mit seinen pädagogischen Ideen auf dem richtigen Weg zu sein, entschloss er sich hier endgültig, Schulmeister zu werden – im Alter von 53 Jahren. Pestalozzis Schulgemeinschaft war Lehrerseminar, Pensionsanstalt, Armenschule und Burgdorfer Normalklasse in einem. Nun endlich konnte er umsetzen, was sich in ihm als pädagogische Idee in den letzten Jahrzehnten entwickelt hatte. Er nannte seine Erziehungsweise schlicht ‘Methode’ und war bestrebt, alles Lernen auf ein psychologisches Fundament zu stellen und zu systematisieren. Sein oberster Grundsatz war es, die Natur des Kindes ernst zu nehmen und jede Tätigkeit mit der menschlichen Natur in Übereinstimmung zu bringen. Er war überzeugt, und die Erfahrung gab ihm Recht: In jedem Kind liegen in unentwickeltem Zustand Kräfte und Anlagen, die sich entfalten möchten, und sie lassen sich entwickeln, indem sie zur Tätigkeit gebracht werden.

Er hat seine grundlegenden Erkenntnisse in seinem Buch ‘Wie Gertrud ihre Kinder lehrt’ niedergelegt, das bereits 1801 erschien und weit herum Aufsehen erregte. Pestalozzis Erziehungsanstalt wurde bald europaweit berühmt, und wer die Schweiz bereiste, machte gewöhnlich einen Abstecher nach Burgdorf, um Pestalozzi und seine Mitarbeiter am Werk sehen und sich von den Erfolgen überzeugen zu können.

Seine eigentliche Blütezeit waren die Jahre 1807 bis 1809. Da zählte die Schulgemeinde 165 Zöglinge, 31 Lehrer und Unterlehrer, 32 Seminaristen und 10 Mitglieder der Familie Pestalozzi mit ihren Hausangestellten. Ferner gehörte zu Pestalozzis Gemeinde in Yverdon noch sein Töchterinstitut gleich neben dem Schloss.

Leider konnte sich Pestalozzi an seinem Werk nicht ungetrübt erfreuen. Erstens hatte die Anstalt immer finanziell zu leiden, und zweitens entspann sich unter zwei Lehrern bald ein unversöhnlicher Streit um Pestalozzis Nachfolge. Auf der einen Seite stand der nüchterne Realist Joseph Schmid (Mathematiklehrer) und auf der andern der hochfahrende Philosoph und Idealist Johannes Niederer (Theologe), und beide hatten unter den Lehrern ihre Anhänger. Pestalozzi hat sich intuitiv Schmid angeschlossen. Nach dem Tod vom Pestalozzis Gemahlin 1815 brach der Streit in aller Heftigkeit aus, und 1817 sagte sich Niederer von Pestalozzi los. Der Streit wurde öffentlich und auch vor den Gerichten ausgetragen und hat schließlich Pestalozzis Werk zerstört. Immer weniger Zöglinge kamen nach Yverdon, und als es schließlich Niederer gelang, die Waadtländer Regierung zu veranlassen, Schmid des Kantons zu verweisen, musste Pestalozzi 1825 sein Institut schließen, und er zog mit den wenigen noch verbliebenen Schülern auf den Neuhof. Hier verfasste er seine letzten Schriften.

Er verstarb am 17. Februar 1827 in Brugg.

Literatur / Quellenangaben


http://www.bruehlmeier.info

 

 

 

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