Für die PraxisWissenswertes

Sozialpädagogische Handlungsmodelle der Praxis zwischen Dominanz, Aufopferung, Serviceleistung und Passung

Dieser Beitrag wurde von unserem Autor Stefan Schröder geschrieben.

Vorwort

Prof. Dr. Maja Heiner von der Universität Tübingen hat in Interviews die Einstellung von sozialpädagogischen Fachkräften verschiedener Einsatzbereiche zur Wirksamkeit ihres Angebotes sowie zum ihren Interventionen zugrunde liegenden Klientenbild untersucht.
Frau Heiner sieht die Figurierung (Gestaltung) von Kräftefeldern, die auf die Interaktionen von Fachkraft und Klient einwirken als die zentrale und allen Praxisfeldern gemeine Aufgabe Sozialer Arbeit.
Die folgende Einteilung kann eine „Brille“ sein, durch die man das eigene berufliche Handeln und das der Berufskollegen reflektiert.

Es ist sicherlich auch eine interessante Möglichkeit, sich selbst als Fachkraft in seinem Tun zu reflektieren, egal, ob nun in einem Jugendtreff, einer OGS oder in einer KiTa. Das Wort „Klient“ kann meiner Meinung nach durchaus, je nach Arbeitsfeld, durch „Kind“ oder „Jugendlicher“ ersetzt werden.

Ich habe diese Einteilung in einem Team für ambulante Erziehungshilfen vorgestellt. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie danach bei der Diskussion die Post abging.

timeline_pre_loader

Typ 1 - Dominanzmodell

• Die Fachkraft hält ihr Angebot für gut, aber ineffektiv.
• Die Ineffektivität sei laut diesen Fachkräften ganz der Perspektivlosigkeit, Willenlosigkeit, Aggressivität oder Destruktivität der Klienten zuzuschreiben. (Defizitorientierung des Klientenbildes)
• Sie plädiert nicht für Aushandlungs- und Partizipationsprozesse mit Klienten.
• Sie reflektiert ihr eigenes Handeln nicht oder beschreibt es mit einer ambivalenten Einstellung „Ich würde ja lieber, aber…“
• Daraus ergibt sich eine Praxis, die von Klienten als beliebig und willkürlich wahrgenommen wird
• Das ursprünglichen Kräftefeld, das auf das Fachkraft – Klienten – Interaktionsfeld einwirken, wird negativ gestaltet. (Von +2 auf -5)

Typ 2 - Aufopferungsmodell

• Die Fachkraft hält ihr Angebot für qualifiziert, aber ineffektiv.
• Sie entdecken im Klienten trotz aller Defizite Ressourcen und wertschätzen sie. Durch persönlichen Einsatz versuchen sie, strukturelle und sozialpolitische Mängel durch persönlichen Einsatz zu kompensieren.
• Tritt daher die erwartete positive Wirkung eines Angebotes nicht ein, sucht die Fachkraft die Verantwortung bei sich selbst.
• Damit überfordert sie sich systematisch und hilft dadurch in letzter Konsequenz weder den Klienten noch sich selbst.
• Positive Figurierung des Kräftefeldes von +5 auf +6, aber mit der Gefahr, auszubrennen und dann evtl. in den Dominanzmodus zu wechseln.

Typ 3 - Servicemodell

• Die Fachkraft glaubt an die Effektivität und Qualität ihres Angebotes, aber nicht an die Ressourcen und Motivation des Klienten.
• Das hat zur Folge, dass die Fachkraft zwar gute Dienstleistungen vorhält und auch vermittelt, dies aber nicht mit Nähe, Leidenschaft und persönliche Beziehungen tut.
• Die Bemühungen der Fachkraft konzentrieren sich nicht auf die persönliche Arbeit mit den Klienten, sondern eher um die Sicherung der Qualität des Dienstleistungsangebotes.
• Dienstleisterverständnis statt persönlicher Beziehungen. (So fehlt ihr aber auch dieses wirksame Instrument).
• Positive Figurierung des Kräftefeldes (von +3 auf +5)

Typ 4 - Passungsmodell




• Die Fachkraft empfindet ihr Angebot als effektiv und gut und traut dem Klienten viel zu.
• Sie spürt den Rückhalt der eigenen Einrichtung und ist fachlich genug, um mit anderen Einrichtungen zu kooperieren.
• Sie ist in der Lage, ihre Interventionen inhaltlich, bezüglich des Rahmens und stilistisch auf die jeweilige Situation abzustimmen und zu dosieren.
• Sie hat keine Scheu, persönliche Beziehungen zu Klienten sowohl als Grundlage als auch als ein Werkzeug ihrer Interventionen zu akzeptieren.
• Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass Interventionen nicht immer sofort und passgenau einschlagen, nicht immer alles perfekt laufen kann und dass neue Situationen immer wieder neue Anpassungen / Interventionen / Auftragsklärungen erforderlich machen – ohne allerdings an Präsenz im einzelnen Fallverlauf zu verlieren.
• Das beinhaltet auch die Fähigkeit, in ein- und demselben Fall die anderen drei Typen dem Bedarf entsprechend anzuwenden, dies aber reflektiert zu tun.
• Positive Figurierung des Kräftefeldes (von +5 auf +6)

Diskussionsangebote

– Praxisbeispiele!? Wer hat sich wann welchem Typus zugehörig erlebt?
– Können Fachkräfte verschiedener Modelle sich ergänzen?
– Macht eine solche Unterteilung überhaupt Sinn?
– Gibt es „typische“ Arbeitsfelder für den einen oder anderen Typus?
(Dominanzmodell im Jugendamt, Aufopferung im Jugendzentrum)
– Welche Hilfen braucht eine Fachkraft von der Praxiseinrichtung, um dem „Ideal“ des Passungsmodells näher zu kommen? Muss sie das überhaupt?
– Habt Ihr in Eurer bisherigen beruflichen Laufbahn einen „Reifungsprozess“ erlebt? In welche Richtung?

Literaturangaben / Quellen *

, , , , , , ,
Vorheriger Beitrag
Mein Date mit mir – Die Selbstfürsorge
Nächster Beitrag
Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü